Was bedeutet Verdrängungsraum bei Fliesen?

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Thomas Bratzke

Inhaber Fliesenfachbetrieb
Thomas Bratzke - Fliesenwünsche

Inhaltsverzeichnis

Als Verdrängungsraum wird der zur Gehebene hin offene Hohlraum in der profilierten Fliesenoberfläche bezeichnet. Er nimmt gleitfördernde Stoffe wie Fette, Öle oder faserige Lebensmittelreste auf, damit sich kein geschlossener Schmierfilm bildet und die Trittsicherheit erhalten bleibt. Die formale Definition findet sich in der Technischen Regel für Arbeitsstätten ASR A1.5/1,2.

Die Einstufung des Verdrängungsraums erfolgt in den Klassen V4, V6, V8 und V10 und gibt das Mindestvolumen in cm³ pro dm² an (z. B. V4 = 4 cm³/dm²). Die Oberflächen können dabei unterschiedlich gestaltet sein, entscheidend ist das tatsächlich verfügbare Hohlraumvolumen unterhalb der Gehebene.

Praxisnah erklärt: Fliesen mit Verdrängungsraum besitzen fühlbare oder kaum wahrnehmbare Profile bzw. Einkerbungen. Zwischen diesen Erhebungen und der Schuhsohle entsteht der Hohlraum, der Schmutz und Flüssigkeiten aufnimmt und ableitet.

Wann ist Verdrängungsraum bei Fliesen vorgeschrieben?

Ein Verdrängungsraum ist immer dann erforderlich, wenn in Arbeitsräumen mit erhöhter Rutschgefahr pastöse, zähfaserige oder fetthaltige Stoffe anfallen. Oft in Bereichen der Lebensmittelverarbeitung. In der Planungspraxis werden für solche Zonen in der ASR A1.5/1,2 passende Kombinationen aus Rutschhemmung (R9–R13) und Verdrängungsraum (V4–V10) vorgegeben bzw. empfohlen. Beispiele reichen von Großküchen bis zu Bereichen der Fisch-, Fleisch- und Backwarenherstellung.

Rechtsgrundlagen und Prüfverfahren: R-, V- und Barfußklassen

Für beschuhte Bereiche erfolgt die Bewertung nach DIN EN 16165 (ersetzt u. a. DIN 51130); die Prüfung des Verdrängungsvolumens wird künftig in DIN 51133 (Entwurf) geregelt. Für nassbelastete Barfußbereiche gelten die Barfußklassen A, B, C in Verbindung mit DIN EN 16165 Anhang A. Die ASR A1.5/1,2 verknüpft diese Prüfungen mit konkreten Anforderungen an Arbeitsräume.

Weiterführende Infos: BGHM: Gestaltung von Fußböden, BAuA: Prüfverfahren Rutschgefahr.

Wie wird der Verdrängungsraum (V4–V10) gemessen und klassifiziert?

Das Prüfverfahren nivelliert die Profiloberfläche mit einer definierten Paste, misst die Massedifferenz vor/nach dem Abgleich und errechnet daraus das Volumen der Hohlräume. Das Ergebnis bestimmt die V-Klasse (V4, V6, V8, V10).

V-Klassen und Mindestvolumina in der Übersicht

  • V4: 4 cm³/dm²
    Geeignet bei geringerem Anfall gleitfördernder Stoffe; häufig in gewerblichen Küchen mit geplanter Linienentwässerung anzutreffen.
  • V6: 6 cm³/dm²
    Erhöhtes Aufnahmevolumen, wenn mit mehr Fett-/Schmutzaufkommen zu rechnen ist.
  • V8: 8 cm³/dm²
    Für stark belastete Produktionsbereiche der Lebensmittelbranche.
  • V10: 10 cm³/dm²
    Maximales Verdrängungsvolumen für Bereiche mit besonders hohem Schmutz- und Fettanfall.

Die Gestaltung der Oberfläche (Rillen, Noppen, Raster) ist frei wählbar, solange das erforderliche Mindestvolumen erreicht wird.

Wo kommen Fliesen mit Verdrängungsraum typischerweise zum Einsatz?

Typische Einsatzorte sind Großküchen, Schlacht- und Zerlegebetriebe, Bereiche der Backwaren-, Fisch- und Feinkostproduktion sowie Küchen und Theken im Gastgewerbe. Auch Treppenvorderkanten oder Übergänge können mit profilierten Oberflächen ausgeführt werden, wenn dort mit gleitfördernden Stoffen zu rechnen ist.

Beispiele aus der Praxis

  • Gewerbliche Küche
    Rutschhemmung R12 in Kombination mit V4 wird häufig gefordert; großformatige R12V4-Fliesen sind mit Linienentwässerung einsetzbar.
  • Fleisch- und Fischverarbeitung
    Je nach Bereich werden R12–R13 sowie V6–V10 vorgesehen, um Fett und Faserreste sicher aufzunehmen. BGN-Übersicht
  • Backwarenherstellung
    Mehlstaub und Fette erfordern je nach Zone R11–R13 und passende V-Klassen. ASR-A1.5/1,2 Überblick

Die genauen Anforderungen ergeben sich aus der Gefährdungsbeurteilung und den Tabellen/Beispielen der ASR A1.5/1,2.

Welche Kombination aus Rutschhemmung (R9–R13) und Verdrängungsraum (V4–V10) ist sinnvoll?

R- und V-Werte ergänzen sich: R beschreibt die Haftung auf der Oberfläche, V die Fähigkeit, Schmutz/Fette aufzunehmen. Für hoch belastete Nass-/Fettbereiche werden meist R12–R13 mit V4–V10 kombiniert. In Barfußbereichen gelten statt R/V die Klassen A, B, C.

Normen und Prüfkriterien auf einen Blick

  • ASR A1.5/1,2 „Fußböden“
    Begriffe, Anforderungen und Beispiele zu R- und V-Klassen in Arbeitsräumen. Regeltext (Info)
  • DIN EN 16165
    Aktuelle Prüfgrundlage für Rutschhemmung; ersetzt u. a. DIN 51130 und DIN 51131. IFA-Übersicht
  • DIN 51133 (E)
    Regelt die Messung des Verdrängungsvolumens als Nachfolgerteil der alten DIN 51130. IFA-Übersicht

Hinweis: Hersteller kennzeichnen geeignete Produkte häufig kombiniert, z. B. R12/V4 oder R13/V10.

Was ist bei Planung, Verlegung und Reinigung von Fliesen mit Verdrängungsraum zu beachten?

Die Profilierung darf die Reinigung nicht unnötig erschweren; gleichzeitig muss sie das geforderte Verdrängungsvolumen sicher bereitstellen. In der Praxis werden Gefälleführung, Entwässerung (z. B. Linienentwässerung) und Reinigungsregime auf die jeweilige R/V-Kombination abgestimmt. Großformate mit R12V4 sind heute auch für gewerbliche Küchen verfügbar, wenn das Entwässerungskonzept passt.

Planungs-Checkliste und Verlegehinweise

  • Anwendungsprofil klären
    Welche gleitfördernden Stoffe fallen an? Daraus ergibt sich die benötigte R-/V-Kombination nach ASR A1.5/1,2. BGHM
  • Produktwahl dokumentieren
    Datenblatt/Leistungserklärung prüfen: ausgewiesene Klasse R…/V…, Format, Oberflächenstruktur.
  • Entwässerung planen
    Gefälle und Ablaufrinnen (Linienentwässerung) so auslegen, dass Schmutz- und Fettflotten abgeführt werden. Für R12V4-Großformate gibt es herstellerseitige Freigaben. Area Pro
  • Reinigung sicherstellen
    Geeignete Mittel/Technik wählen (keine schleifkornhaltigen Pads); Reinigungsplan festlegen.
  • Barfußbereiche abgrenzen
    Hier gelten Klassen A, B, C statt R/V; Anforderungen unterscheiden sich. BAuA

Wichtig: Die Mess- und Bewertungsverfahren wurden auf DIN EN 16165 umgestellt; beachten Sie aktuelle Prüfzeugnisse der Hersteller.

Welche Produkte mit Verdrängungsraum gibt es am Markt?

Zahlreiche Serien bieten kombinierte R-/V-Klassen bis zu R13/V10. Beispiele belegen die Bandbreite von Strukturoberflächen und Formaten, inkl. großformatiger R12V4-Fliesen für Küchen.

Aktuelle Produktbeispiele (Auswahl, ohne Wertung)

  • Agrob Buchtal „Area Pro“ – R12V4
    Auch in Großformaten; geeignet u. a. für gewerbliche Küchen mit Linienentwässerung.
  • Agrob Buchtal „Basisprogramm“ – R12V4 bis R13V10
    Verschiedene Reliefs (z. B. Opticorn, Kombicorn) für hohe Anforderungen.
  • Keramundo (V&B „Aberdeen“) – R12/V4
    Unglasierte Feinsteinzeugfliese mit ausgewiesenem Verdrängungsraum.
  • Raab Karcher „Vinur“ – R12/V4
    Unglasiertes Feinsteinzeug mit V4-Verdrängungsraum.

Weitere grundlegende Definitionen zu „Verdrängungsraum“ finden Sie auch in Fachglossaren der Branche. euroFEN Glossar, BauNetz Wissen.

Wie entsteht die Oberflächenstruktur für den Verdrängungsraum?

Die Profile werden herstellerseitig durch strukturierte Pressformen (Trockenpressen) oder beim Strangpressen (z. B. Spaltplatten) erzeugt; entscheidend ist, dass die Reliefs das geforderte Verdrängungsvolumen erreichen, ohne die Reinigbarkeit unzumutbar zu beeinträchtigen.

Hinweis zur Pflege strukturierter Oberflächen

Für trittsichere, profilierte Fliesen empfehlen Hersteller maschinelle Bürstenreinigung ohne Schleifkornzusatz sowie angepasste, nicht filmbildende Reinigungsmittel, damit R-/V-Eigenschaften erhalten bleiben. Details bietet z. B. Agrob Buchtal.