Was ist eine Oberflächenveredelung bei Fliesen?

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Thomas Bratzke

Inhaber Fliesenfachbetrieb
Thomas Bratzke - Fliesenwünsche

Inhaltsverzeichnis

Als Oberflächenveredelung werden Verfahren bezeichnet, mit denen die sicht- und fühlbare Schicht einer Keramikfliese gezielt verändert wird, um Eigenschaften wie Reinigungsfreundlichkeit, Abrieb- und Chemikalienbeständigkeit, Rutschhemmung oder hygienische Wirkung zu verbessern. Typische Maßnahmen sind Glasuren, mechanische Bearbeitungen wie Polieren oder Lappato sowie werkseitige Funktionsbeschichtungen und nachträgliche Imprägnierungen. Bei Keramik gilt die Glasur klassisch als Form der Oberflächenveredelung, die eine geschlossene, pflegeleichte Oberfläche erzeugt.

Weitere Informationen: Glasuren auf Wikipedia

Welche Verfahren der Oberflächenveredelung bei Fliesen gibt es?

Grundsätzlich unterscheidet man werkseitige Veredelungen, die während der Produktion eingebrannt oder mechanisch erzeugt werden, und nachträgliche Behandlungen, die auf bereits verlegte Beläge appliziert werden. Jede Methode verändert die Oberflächenenergie und Mikrostruktur der Fliese und damit ihr Verhalten gegenüber Wasser, Schmutz und Reinigern.

Glasuren und Aufglasurdekoration als Oberflächenveredelung

Glasuren bilden eine glasartige, geschlossene Schicht auf Steingut, Steinzeug und Porzellan. Sie reduzieren die Wasseraufnahme der Oberfläche und erleichtern die Reinigung. Zusätzlich können Fliesen nach dem ersten Brand mit Aufglasurdekoren veredelt und erneut gebrannt werden, um Optik oder Funktion zu erweitern.

Mechanische Bearbeitung: poliert, satiniert, Lappato

Poliertes Feinsteinzeug entsteht durch Schleifen der Oberfläche. Dabei können feine Poren geöffnet werden; eine Imprägnierung wird deshalb häufig empfohlen. Lappato bezeichnet das partielle Anpolieren: Es entstehen matte und glänzende Bereiche, die eine edle Optik und andere Pflegeeigenschaften als Vollpolitur bieten.

Weitere Informationen: BauNetz Wissen – Feinsteinzeug

Werkseitige Vergütung und Easy-to-Clean-Beschichtungen

Neben Glasur und Mechanik setzen Hersteller auf ab Werk aufgebrachte, in die Oberfläche eingebrannte Funktionsschichten, die Mikroporen verschließen oder Schmutzanhaftung reduzieren. Ziel ist eine dauerhafte Erleichterung der Unterhaltsreinigung ohne zusätzliche Einpflege.

Materialkunde: Fliese ist nicht gleich Fliese

Wie funktioniert der Lotus-Effekt als Oberflächenveredelung?

Der Lotus-Effekt beschreibt die Selbstreinigung extrem wasserabweisender, mikro- und nanostrukturierter Oberflächen: Wasser perlt kugelförmig ab und nimmt Partikel mit. Dieses aus der Bionik bekannte Prinzip wurde von Forschungsteams um Prof. Wilhelm Barthlott wissenschaftlich beschrieben und auf technische Oberflächen übertragen. In der gebauten Umwelt kommt es vorrangig bei hydrophoben Beschichtungen zum Einsatz.

Lotus-Effekt auf Fliesen und Glas im Bad

Hydrophobe Versiegelungen erzeugen den bekannten Abperleffekt auf glasierten Fliesen und Duschglas. Sie reduzieren die Wiederverschmutzung und erleichtern die Reinigung, wobei Qualität, Untergrundvorbereitung und Beanspruchung die Haltbarkeit beeinflussen.

Wichtige Grenzen des Lotus-Effekts

Der Lotus-Effekt wirkt primär gegen wasserbasierte Verschmutzung. Bei Medien mit geringer Oberflächenspannung, etwa Ölen, ist die Wirkung begrenzt. Außerdem können mechanische Belastung und Reiniger die Performance mindern, weshalb die Eignung fallbezogen bewertet werden sollte.

Wie wirken TiO₂-basierte antibakterielle Oberflächenveredelungen auf Fliesen?

Titandioxid-Beschichtungen nutzen Photokatalyse: Unter Lichteinfluss entstehen reaktive Sauerstoffspezies, die Mikroorganismen an der Oberfläche hemmen und organische Stoffe abbauen. Für die antibakterielle Wirkung photokatalytischer Keramik existiert ein eigener Prüfstandard, ISO 27447.

Photokatalyse: Lichtaktiv, hydrophil und reinigungsfreundlich

TiO2-Funktionsglasuren werden bei hohen Temperaturen in die Oberfläche eingebrannt und wirken dauerhaft. Charakteristisch ist eine hydrophile Oberfläche: Wasser verteilt sich als Film, unterspült Schmutz und erleichtert die Reinigung. Herstellerlösungen wie Hytect beschreiben diese Dreifach-Wirkung aus antibakterieller Aktivität, Luftreinigung und Easy-to-Clean.

Silberbasierte Technologien als Alternative ohne UV-Anteil

Neben Photokatalyse existieren werkseitig integrierte, silberionenbasierte Technologien. Diese wirken antibakteriell ohne UV-Anregung, sind in die Fliese eingebettet und nutzen Prüfverfahren wie ISO 22196 oder ASTM E3031-15. Sie sind auf den Fliesenlebenszyklus ausgelegt.

Welche Normen und Prüfungen sind für Oberflächenveredelung bei Fliesen relevant?

Für Auswahl und Bewertung sind Normen zu Material, Oberfläche, Reinigung und Sicherheit maßgeblich. Fliesen werden nach DIN EN 14411 bzw. EN ISO 13006 klassifiziert; Oberflächenleistungen wie chemische Beständigkeit, Fleckenbeständigkeit und Oberflächenabrieb werden über die EN-ISO-10545-Reihe geprüft. Die Rutschhemmung in Deutschland wird über DIN EN 16165 mit nationalem Anhang NB.2 den Gruppen R9 bis R13 zugeordnet. Photokatalytische, antibakterielle Aktivität wird mit ISO 27447 bestimmt.

Weitere Informationen auf BauberaterPlus Keramik & Platten

  • DIN EN ISO 10545-13 Chemikalienbeständigkeit
    Einschätzung, wie gut eine veredelte Oberfläche gängigen Haushalts- und Industriemedien widersteht.
  • DIN EN ISO 10545-14 Fleckenbeständigkeit
    Bewertung der Reinigungsfreundlichkeit gegenüber typischen Fleckbildnern im Alltag.
  • DIN EN ISO 10545-7 Oberflächenabrieb (glasiert)
    Klassifiziert die Widerstandsfähigkeit glasierter Oberflächen gegen Verschleiß.
  • DIN EN 16165 Rutschhemmung
    Zuordnung der Bodenbeläge in Bewertungsgruppen R9 bis R13 für beschuhte Bereiche, Grundlage für Arbeitsstätten.
  • ISO 27447 Photokatalytische Antibakteriell-Prüfung
    Spezifische Methode für keramische Oberflächen mit TiO₂ unter UV-Licht.

Beeinflussen Oberflächenveredelungen die Rutschhemmung und Pflege?

Ja. Nachträgliche Beschichtungen, Emulsionen oder Pflegeschichten können die Rutschhemmung reduzieren und die Reinigung sogar erschweren. Für Arbeitsstätten fordert ASR A1.5, dass Reinigung und Pflegemittel die notwendige Rutschhemmung nicht beeinträchtigen. Für viele glasierte oder werkseitig veredelte Fliesen ist daher keine zusätzliche Einpflege vorgesehen.

Rutschhemmung richtig prüfen und dokumentieren

Die Bewertung der Rutschhemmung erfolgt nach DIN EN 16165 mit nationalem Anhang NB.2, der die bekannten R9 bis R13 Gruppen definiert und DIN 51130 abgelöst hat. Bei geplanten Zusatzbeschichtungen sollte die Klassifizierung neu geprüft und dokumentiert werden.

Wo ist welche Oberflächenveredelung sinnvoll?

Die optimale Veredelung hängt von Nutzung, Hygieneanforderungen und gewünschter Haptik ab. In Küchen und stark frequentierten Bereichen sind dichte, leicht zu reinigende Oberflächen mit gut abgestimmter Rutschhemmung gefragt. In Bädern unterstützen hydrophobe oder hydrophile Easy-to-Clean-Veredelungen die Pflege. Poliertes Feinsteinzeug eignet sich eher für gering belastete Zonen und sollte je nach Herstellerangabe imprägniert werden; Lappato bietet eine pflegeleichte Optik mit teilpoliertem Glanz. Für sensible Bereiche können werkseitige, antibakterielle Lösungen mit TiO2 oder Silbertechnologie vorgesehen werden.

  • Bad und Dusche
    Easy-to-Clean-Veredelung für Fliesen und Glas reduziert Kalk- und Schmutzanhaftung, erleichtert die Unterhaltsreinigung.
  • Küche und Flur
    Glasierte oder werkseitig vergütete Feinsteinzeugoberflächen mit ausreichender Rutschhemmung und hoher Fleckenbeständigkeit.
  • Gewerbe und Arbeitsstätten
    Rutschhemmung nach DIN EN 16165 passend zur Nutzung wählen; Reinigungs- und Pflegemittel so abstimmen, dass R-Werte erhalten bleiben.
  • Repräsentative Wohnbereiche
    Lappato für changierende Optik und gute Pflegeeigenschaften; polierte Oberflächen nur dort, wo geringe Schmutz- und Nässebelastung vorliegt.

Welche Besonderheiten gelten bei antibakteriellen Fliesenoberflächen?

Photokatalytische TiO₂-Oberflächen benötigen Licht zur Aktivierung und sind in der Regel hydrophil. Es existieren Wirknachweise im Labormaßstab und der Branchenstandard ISO 27447. Silberionenbasierte Systeme wirken auch ohne UV-Anteil und sind dauerhaft in der Keramik eingebettet. Auswahl und Nachweis sollten projektbezogen nach Norm und Herstellerdaten erfolgen. Lesen Sie hierzu auch den Artikel auf pubmed.

Wartung und Reinigung veredelter Oberflächen

Bei werkseitig vergüteten Flächen genügt im Alltag meist warmes Wasser mit üblichen Reinigern. Zusätzliche Pflegeschichten, Wachse oder Emulsionen sind nicht vorgesehen und können Schichten aufbauen, die Optik, Hygiene und Trittsicherheit nachteilig beeinflussen.

Wie werden Beständigkeit und Pflegeleichtigkeit nachgewiesen?

Für die Praxis wichtig sind geprüfte Kennwerte: Chemikalienbeständigkeit nach EN ISO 10545-13, Fleckenbeständigkeit nach EN ISO 10545-14 und Oberflächenabrieb glasierter Fliesen nach EN ISO 10545-7. Diese Prüfungen helfen, veredelte Oberflächen zielgerecht auszuwählen und Erwartungen an Pflege und Lebensdauer realistisch zu definieren.

Hinweis zur Planung mit Lappato- und Politur-Oberflächen

Bei Lappato entsteht die teilpolierte Optik durch leichtes Anpolieren im Zehntelmillimeterbereich. Vollpoliertes Feinsteinzeug kann durch das Schleifen feine Kavernen öffnen, weshalb eine fachgerechte Imprägnierung und eine Reinigungsstrategie empfohlen werden.